Die Sprache und die AfD

“ When it comes to changing the language, I think they make some good points. Because we do think in language. And so the quality of our thoughts and ideas can only be as good as the quality of our language.“ – George Carlin

Das oben geschriebene Zitat von Gerorge Carlin galt ursprünglich Feministinnen in Amerika. Es beinhaltet aber eine tiefere, eine universale Weisheit. Wir denken in Sprache. Und unsere Sprache beeinflusst unser Denken. Schauen wir uns doch heute einmal an, was Sprache kann, und wie sie von der AfD missbraucht wird.

Emotion

Sprache erzeugt Emotion. Das ist normal, das ist meistens gut, damit verdienen Schriftsteller ihr Geld. Ein kleines Beispiel. Lesen Sie den folgenden Satz, dann stellen sie sich die Szene bildlich vor.

Sie liegen inmitten eines blühenden Tulpenfeldes, die Augen in den blauen Himmel gerichtet, und denken über Ihr Leben nach.

Haben Sie ein Bild von der Szene im Kopf? Gut. Jetzt lesen Sie den nächsten Satz und stellen sich wieder die Szene vor.

Sie liegen inmitten eines verblühten Tulpenfeldes, die Augen in den grauen Himmel gerichtet, und denken über Ihr Leben nach.

Die Szene sieht in Ihrem Kopf anders aus, richtig? Und auch die Gedanken „über Ihr Leben“, die Ihnen möglicherweise bei diesen Sätzen gekommen sind, sind andere. Bei dem ersten Satz haben sie sich vielleicht an die schönen, bei dem zweiten Satz an die üblen Momente in Ihrem Leben erinnert. Wie kommt das? Ich habe einfach zwei Worte getauscht. Ich habe zwei positiv belegte Adjektive mit zwei negativ belegten Adjektiven getauscht. Das verändert den Satz nur minimal, aber die erzeugte Stimmung ist eine ganz andere.

Zugegeben, es handelt sich um ein sehr simples Beispiel. Genauso wie dieses:

Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten.

Und woran haben Sie gedacht? Genau, an einen rosa Elefanten.

Sie sehen: Worte haben einen Einfluss auf unsere Gedanken, ob wir wollen oder nicht. Daher ist es wichtig, dass wir uns, wenn wir uns informieren wollen, sehr genau mit der Darstellung der Information auseinandersetzen müssen. Falls Sie jemals einen wissenschaftlichen Text zur Hand nehmen, wird Ihnen sicher auffallen, dass er ganz anders geschrieben ist als Ihr Lieblings-Roman. Das ist auch logisch. Romane wollen Stimmungen erzeugen, Wissenschaftliche Texte wollen Wissen vermitteln.

Halten wir also fest: Wenn ich wissen vermitteln will, bleibe ich sprachlich neutral. Um Stimmung zu machen, benutze ich wertende Begriffe.

Kleines Beispiel gefällig?

Aus dem Grundsatzprogramm der AfD (S. 55):

Die Gender-Ideologie (negativ konnotiert) marginalisiert naturgegebene (also unumstößlich und indiskutabel) Unterschiede zwischen den Geschlechtern und wirkt damit traditionellen Wertvorstellungen (traditionelle Werte= positiv konnotiert) und spezifischen Geschlechterrollen in den Familien entgegen. Das klassische Rollenverständnis von Mann und Frau soll durch staatlich geförderte Umerziehungsprogramme (negativ konnotiert) in Kindergärten und Schulen systematisch „korrigiert“ (sehr geschickt, ein positiv konnotiertes Wort wird durch die Satzkonstruktion und die „Angeblich“-Anführungszeichen zu einem negativen Wort) werden. Die AfD lehnt diese Geschlechterpädagogik als Eingriff in die natürliche Entwicklung unserer Kinder (Natürliche Entwicklung unserer Kinder. Wer will dagegen etwas sagen?) und in das vom Grundgesetz garantierte Elternrecht auf Erziehung ab.

Wahrnehmung

Man kann Gedanken auch über die Wahrnehmung steuern. Wenn Sie täglich, über einen längeren Zeitraum über verbrecherische, chinesische Zirkusartisten lesen würden, dann würde sich Ihre Einstellung zu chinesischen Zirkusartisten ändern. Selbst, wenn Sie in Ihrem leben noch nie einem chinesischen Zirkusartisten begegnet sind. Durch Ihre regelmäßige Präsenz in allen Medien, besonders den sozialen, bleibt die AfD im Gespräch. Gleichzeitig verbreiten verschiedene rechte Gruppen auf Facebook berichte über Verbrechen, die von „Ausländern“ begangen werden. Ja, es gibt Kriminelle mit Migrationshintergrund. Aber es gibt viel mehr ohne. Wenn ich aber drei mal von einem Verbrechen von einem Ausländer höre und lese, aber von den zwölf Verbrechen nichts mitbekomme, die auf ein deutsches Konto gehen, dann nehme ich Ausländer krimineller wahr, als sie im Vergleich sind.

Andeutung

Ein großes Thema in der Kommunikation der AfD sind Andeutungen. Herr Gauland hat vor laufenden Kameras Angela Merkel als „Kanzlerdiktatorin“ bezeichnet. Obwohl das auch in den Bereich der Umdeutung des Begriffes (siehe nächster Abschnitt) passen würde, so will ich es hier kurz abhandeln. Es wird angedeutet, Angela Merkel sei eine Diktatorin. Wieder ein negativ konnotiertes Wort. Aber wie er darauf komm, dass lässt er offen. Er lässt bewusst Interpretationsspielraum, so dass jeder geneigte Zuhörer selber die diktatorischen Züge entdecken kann. In Demokratien wird es nie eine Regierung geben, die 100% aller Wähler zufrieden stellen kann. Aber Demokratie bedeutet, dass man sich mehrheitlich auf etwas verständigt und dann alle diese Situation ausbaden. Egal ob gut oder schlecht. Und die, die sich nicht vertreten fühlen werden sich immer als Opfer einer Diktatur sehen.

Ein etwas subtileres Beispiel war die Andeutung von Beatrix von Storch, die im Fernsehen Angela Merkel eine geplante Ausreise nach Südamerika andichtete, was eine Anspielung auf Honecker und Hitler sein sollte. Nun, in dem Fall ging der Plan nach hinten los. Frau von Storch wurde auf der Stelle widerlegt.

Ein weiteres Beispiel bietet Herr Meuthen von der AfD-BW.

andeutung

In „nicht unerheblichem Maße“ und „nachweislich“? Also gibt es Beweise. Wenn Herr Meuthen sagt, dass es beweise gibt, dann brauchen wir uns die ja nicht ansehen. Er wird schon wissen, wovon er spricht. Das war übrigens Sarkasmus. Nur, falls ein AfD-Anhänger dieses Stilmittel nicht kennt.

Deutung

Gedanken sind fließend. Solange, bis wir den Gedanken in Worte fassen. Dann sind wir auf ewig mit diesem Gedanken an diese Worte gebunden.“ Dieser –zugegebenermaßen frei übersetzte- Ausspruch stammt ebenfalls von George Carlin. Und auch hier hatte er recht. Es gibt Begriffe, die automatisch bestimmte Assoziationen hervorrufen. Diese Assoziationen können so stark sein, dass sie eine doppelte Wirkung entfalten: Neben dem verbildlichen eines Ausdrucks entsteht darüber hinaus eine emotionale Regung beim Angesprochenen. Diese Regung ist so stark, dass es meist zu einer spontanen Reaktion führt. Will man diese Reaktion herbeiführen benutzt man ein solches Wort. Will man die Reaktion vermeiden, vermeidet man auch die Benutzung dieses Wortes. In den Nachrichten können sie das bei der Berichterstattung über Amokläufe überprüfen. Dort wird in der Regel von „Blutbad“ gesprochen. Die Bezeichnung „Massaker“, die den Vorgang genauso beschreibt, wird wenn überhaupt nur in Verbindung mit Kriegsverbrechen benutzt. Das Wort selbst ist so negativ belegt, dass es exklusiv für die ganz großen Fälle reserviert ist.

In diesen Fällen spricht man von negativ konnotierten Wörtern: Worte, die unabhängig von der Vorerfahrung negativ belegt sind.

Aber Sprache befindet sich im Wandel. Neue Wörter kommen dazu, alte Wörter verschwinden und manchmal bekommen Worte auch eine neue Bedeutung. Wie bereits geschrieben ist die Verbindung eines Gedankens mit einem Wort endgültig. Aber Gedanken lassen sich durch Worte ändern. Das geschieht etwa, wenn jemand eine Beleidigung als Kompliment auffasst. Das N-Wort zum Beispiel ist immer noch eine Beleidiung, wenn es ein Weißer sagt, unter Schwarzen ist es in Amerika aber teilweise freundschaftliche Ansprache.

Jetzt fällt in letzter Zeit immer häufiger auf, dass rechte Strömungen und Gruppierungen versuchen einige in Deutschland negativ belegte Wörter zu normalisieren, ja sogar positiv zu belegen.

Ich bin ja kein Nazi, aber..“, „Jetzt ist man schon Nazi wenn man…“ und ähnliche Formulierungen treten da häufig auf. Die meisten Erklärungen zielen darauf ab, den Begriff „Nazi“ aufzuweichen. Es wird entweder die Grenze verschoben, oder es wird versucht den Begriff Nazi mit positiven Aspekten zu verknüpfen.

Der folgende Post ist mir in der ein oder anderen Variation schon unter die Augen gekommen.

Eure Nazikeule zieht nicht mehr. Für euch ist doch jeder Nazi, der nicht alles abnickt, was Merkel sagt.“

Was geschieht hier. Selbst wenn es nur ein paar Worte sind, so passiert hier eine Menge.

Punkt 1: „Nazikeule“. Zugegeben, der Begriff „Nazi“ ist in den sozialen Medien etwas inflationär gebraucht worden, aber jetzt sind es die Rechten, die die Inflation weiter voranzutreiben versuchen. Es wird unterstellt, der Empfänger dieser Botschaft würde die Bezeichnung „Nazi“ nur verwenden, weil dieser Begriff so toxisch ist, dass damit die Diskussion zum erliegen kommen soll. Es gibt sogar seit den 90ern den Begriff Godwins Gesetz, das besagt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass in einer Diskussion jemand einen Vergleich mit Hitler oder den Nazis anbringt, gegen 100% steigt, je länger eine Diskussion dauert. Gleichzeitig posten AfD Gruppen Bildmontagen, die Justizminister Heiko Maas, einen der derzeit größten AfD-Gegner als Nazi oder Stasi-Mitglied darstellen.

Punkt 2: Die Grenze zwischen „Nazi“ und „Nicht-Nazi“ wird verschoben, indem dem Epfänger unterstellt wird, er oder sie würde alles, was nicht links und für Merkel ist als „Nazi“ bezeichnen. Das ist aber nicht der Fall. Gerade die Linken waren es doch, die die Politik der Bundesregierung in den letzten Jahren am häufigsten Kritisiert haben. Die Grenze zwischen „Nazi“ und „Nicht-Nazi“ wird willkürlich gezogen, wie der Verfasser des Satzes sie gern hätte und gleichzeitig wird dies dem Empfänger der Nachricht unterstellt. Das entsprechend konnotierte Wort lautet hier „perfide“

Genug mit dem Verschieben der Grenzen. Das Thema ist zu umfassend um es hier ausführlich zu behandeln. Kommen wir zum nächsten Punkt: Den Begriff „Nazi“ mit positive Aspekten verknüpfen.

Vielleicht haben Sie schon mal gehört: „Es war damals nicht alles schlecht.“ Man nennt das selektive Wahrnehmung. Wenn man regelmäßig positive Aspekte mit einem Ereignis verknüpft, dann nimmt man das Ereignis als positiver wahr, als es wirklich gewesen ist. Man kann dies auch versuchen bewusst herbeizuführen, indem man Eigenschaften miteinander verknüpft, die nicht originär zusammen gehören. Folgenden Post habe ich letztens gesehen. Andreas Schmehl ist Mitglied der AfD- in Hessen.

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Keine der aufgeführten Eigenschaften und Handlungen sind Nazis exklusiv vorbehalten. Diese Dinge zu tun bedeutet nicht Nazi zu sein. Sie also mit dem Begriff „Nazi“ verknüpfen zu wollen ist bewusst falsch und kann meines Erachtens nur der Versuch sein, die Bezeichnung „Nazi“ ihrer negativen Konnotation zu entwinden.

Und es geht weiter. Alles was im Sinne der AfD geschrieben wird ist durch die Meinungsfreiheit gedeckt, alles gegen die AfD ist Hetze, das Löschen von Beleidigungen auf Facebook ist Zensur. Die AfD und die Rechte Szene versuchen die Deutungshoheit über Begriffe zu bekommen. Wie auch dieser Post eines AfD-Fraktionsvorsitzenden aus Hessen zeigt.

Fraktionsvorsitzender der AfD in Heusenstamm (Hessen)

Lassen wir nicht zu, dass die AfD entscheidet, wie wir Wahrheit, Gerechtigkeit und Anstand definieren.

Sie sehen: Unsere Sprache ist die mächtigste Waffe, die wir haben. Deswegen nutze ich sie.