Wer ist der wahre Antifaschist?

“ Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus‘ „ – Ignazio Silone

Heute ist der 3. Oktober. Deutschland feiert den Tag der deutschen Einheit. Eine Einheit, die nur notwendig wurde, nachdem ein faschistisches System Deutschland in den Krieg geführt hat, was in der Teilung des Landes endete. Und ich denke damit haben wir den Ausgangspunkt für den heutigen Text. Ich denke, alle Deutschen stimmen darin überein, dass wir weder einen Krieg in Europa, noch eine erneute Teilung Deutschlands erleben wollen. Und um das zu verhindern müssen wir den Faschismus stoppen, bevor er sich entfalten kann. Sind wir alle zu dem gleichen Grundsatz gekommen? Gut.

Ich stelle jetzt aber doch mal zur Diskussion, wer in diesem Land die Faschisten sind. Ich denke ich habe ausführlich erklärt, warum ich die AfD für faschistisch halte.[1] Ebenso habe ich bereits erläutert, dass die AfD sich gerne in der Opferrolle suhlt. [2] Und beides findet sich wunderbar in dem oben genannten Zitat wieder, das Ignazio Silone zugeschrieben wird.

Was sagt das Zitat aus? Nun, im wesentlichen ist die Aussage, dass der Faschismus, wenn er das nächste mal Fuß fassen will, seine Ziele nicht offenlegt und sogar scheinbar gegenteilige Positionen einzunehmen um seine Ziele zu erreichen.

In Kreisen der AfD wird das Zitat etwas anders interpretiert. Es wird derart ausgelegt, das der Faschismus den NAMEN Antifaschismus trägt. Und daher ist die Antifa der natürliche Feind des deutschen Staats, weil es ja eine faschistische Organisation ist, die sich nur antifaschistisch nennt, aber eigentlich faschistisch ist. Können Sie den Gedanken eines AfDlers noch folgen?

Um das an dieser Stelle nochmal ein für alle mal klarzustellen: Ich lehne Gewalt grundsätzlich ab. Egal ob von links oder von rechts. Und auch Protestaktionen, die die Beschädigung von fremden Eigentum beinhalten sind grundsätzlich abzulehnen, solange es noch die Möglichkeit zu friedlichem Protest gibt. Und die gibt es, egal was die AfD, Pegida und wie sie alle heißen reden.

(Anm: Anlässlich der Feier zum Tag der deutschen Einheit wurden in Dresden über ein Dutzend Demonstrationen angekündigt. Die Polizei Dresden soll in dem Zusammenhang eine angemeldete Demo von Linken verboten haben, während eine nicht angemeldete Demo von Rechten geduldet wurde. Das verdient eine genauere Betrachtung, aber dazu mehr, wenn mehr Fakten vorliegen.)

Und ja, es gibt linke Gewalt, vor der auch nicht die Augen verschlossen werden sollen. Und ja, die Diskussion ist mittlerweile so emotionalisiert und polarisiert worden, dass wir nur noch in schwarz-weiß denken und reden. Nazis gegen Gutmenschen, Faschisten gegen Bahnhofsklatscher, braunes Pack gegen links-grünversifftes Pack. Das wird uns in der Diskussion aber nicht weiter führen.

Zurück zum Thema. Alle Parteien erleben hin und wieder Gewalt und Drohungen von politisch andersdenkenden. Das ist nicht schön, aber leider weit verbreitet. Die AfD aber macht aus jedem Angriff auf sich einen Angriff auf die Demokratie, die Meinungsfreiheit und den deutschen Staat.

Die AfD wird dabei nicht Müde berühmte Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen und umzuinterpretieren. Am schlimmsten empfand ich dabei die Verwendung eines Sophie Scholl Zitats.:

Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen.“

Da dies mittlerweile häufiger der Fall ist, habe ich mir mittlerweile einen Standarttext gespeichert, den ich immer in die Kommentare auf Facebook schreibe, wenn die AfD mal wieder über ihre Unterdrückung klagt und sich mit Sophie Scholl vergleicht.

Weil die AfD sich gerne in der Opferrolle suhlt und schon mal Zitate von Sophie Scholl für sich zu vereinnahmen sucht, nochmal für alle merkbefreiten: Die AfD ist nicht (!) die Sophie Scholl Partei, weil sie Widerstand zu spüren bekommt. Sie bekommt Widerstand zu spüren, weil sie sich als „Sophie Scholl Partei“ bezeichnet. […], noch etwas zu einer Antwort auf einen anderen Kommentar: Sophie Scholl hat nicht gegen „nationalen Sozialismus“ gekämpft, sondern gegen den Nationalsozialismus. Das ist ein entscheidender Unterschied. Und nur, weil etwas das Wort „sozial“ im (selbstgewählten) Namen trägt, bedeutet dies nicht, dass auch sozial gehandelt wird. Ein Tausendfüßler hat keine tausend Füße, ein Schmetterling ist zu leicht zum Schmettern und die AfD ist weder eine „Alternative“, noch „für Deutschland“.“

Um das nochmal zusammenzufassen: Die AfD hält sich für eine „Alternative“, WEIL sie es im Namen tragen. Sie glaubt die Nazis waren sozialistisch, WEIL sie „sozial“ im Namen tragen und die Antifa ist faschistisch, OBWOHL sie „ANTI-faschistisch“ im Namen tragen. Das, liebe Leser, nennt man selektive Wahrnehmung. Oder Doppelmoral. Entscheiden Sie selbst.

Wir sind also hoffentlich darin einig, das das Zitat von Ignazio Silone nicht ohne weiteres als Beleg für den Faschismus der Antifaschisten herhalten kann, nur weil sie den prophezeiten Namen tragen. Und in dem Punkt muss ich einigen AfD-Fans recht geben: Auch von Links gibt es Tendenzen, die faschistoide Züge aufweisen. Faschismus ist keine Frage von links oder rechts, sondern von mehr oder weniger Demokratie.

Die faschistoiden Züge der extremen Linken sind aber nicht das Thema. Warum? Weil es das geringere Problem ist. Eine Anfrage der AfD zum Thema politisch motivierte Verbrechen zeigte, das es 2015 in Sachsen-Anhalt etwas 4 mal mehr rechte politische Straftaten gab als Linke [3]. Und bei den Linken wurden friedliche Sitzblockaden ebenso als Verbrechen gewertet wie rechte Gewaltdelikte. Nur um den Maßstab richtig zu verstehen. Die Straftaten bei denen die Polizei keinen politischen Hintergrund vermutet sind da noch gar nicht mit eingerechnet. Und wenn uns die jüngere Geschichte etwas gelehrt hat, dann das die Polizei auf dem rechten Auge vielleicht nicht blind, aber schwer sehgestört zu sein scheint (Stichwort NSU).

Ich sehe den rechten Faschismus daher im Moment als die wesentlich größere Gefahr an.

Sehen wir uns also nochmal den Faschismus á la AfD an.

In seinem im Jahre 2004 veröffentlichten Buch The Anatomy of Fascism definiert der US-amerikanische Geschichtsprofessor Robert O. Paxton Faschismus so:

Faschismus kann definiert werden als eine Form des politischen Verhaltens, das gekennzeichnet ist durch eine obsessive Beschäftigung mit Niedergang, Demütigung oder Opferrolle einer Gemeinschaft und durch kompensatorische Kulte der Einheit, Stärke und Reinheit, wobei eine massenbasierte Partei von entschlossenen nationalistischen Aktivisten in unbequemer, aber effektiver Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten demokratische Freiheiten aufgibt und mittels einer als erlösend verklärten Gewalt und ohne ethische oder gesetzliche Beschränkungen Ziele der inneren Säuberung und äußeren Expansion verfolgt.“[4]

Die Definition bitte lesen und jedes mal mit Aussagen der AfD vergleichen.

Besonders interessant: „[…] obsessive Beschäftigung mit Niedergang, […] oder Opferrolle einer Gesellschaft […]“. Da reiche ich doch einfach mal den Begriff der „Umvolkung“ nach, wie er kürzlich von der JA benutzt wurde und lasse es wirken.

Zusätzlich zu der Liste von Umberto Eco haben wir hier also einen Experten, der der AfD wahrscheinlich Faschismus testieren würde.

Nun sagte Silone in seinem Zitat aber eindeutig, der neue Faschismus würde sich als Antifaschismus tarnen. Wenn die AfD so teilweise offensichtliche faschistoide Züge annimmt, wo tut sie so als sei sie der Antifaschismus?

Die Antwort habe ich ein paar Zeilen höher bereits gegeben.

Faschismus ist keine Frage von links oder rechts, sondern von mehr oder weniger Demokratie.“

Der Antifaschismus wäre also eine reine Demokratie. Mit gleichen Rechten für alle. Und das ist das perfide daran. Die AfD stellt sich vor die Bürger und behauptet, sie sei die einzige demokratische Kraft im Staat. Und das ist falsch, auf so vielen Ebenen.

1.) Die AfD vertritt nicht den Willen des Volkes. Bestenfalls den Willen einer Minderheit.

2.) In den letzten Wochen hat die AfD grandios bewiesen, dass sie nicht demokratisch ist: Vier der Punkte, die die AfD gerne propagiert sind die Abschaffung der GEZ, der Kampf gegen islamistischen Terror, die Vereinfachung von Volksabstimmungen und die Ablehnung von TTIP. Das sind vier Punkte, für die die AfD gewählt wurde. Das steht so in den beschlossenen und demokratisch abgestimmten Programmen. Und doch hat die AfD gegen diese Punkte gestimmt, als sie die Wahl hatte. In Hamburg wurde ein Vorschlag Schulden aus Rundfunkgebühren nicht per Zwangsvollstreckung einzuziehen [5] ebenso abgelehnt, die ein Striktes „Nein“ zu TTIP [6], in Sachsen-Anhalt stimmte die AfD gegen die Vereinfachung des Volksentscheids [7] und die Europaabgeordneten Beatrix[8] von Storch und Markus Pretzell [9] haben gegen eine gemeinsame europäische Aktion gegen radikale Islamisten gestimmt.

Eine Partei die sich selbst als demokratisch bezeichnet, nach außen hin eine Opferrolle propagiert und dabei die Stärke des Volkes durch Einheit beschwört und die Gesellschaft von schlechten Elementen „reinigen“ will und undemokratisch handelt?

Ignazio Silone hatte wohl recht.

[1] https://afdmaskiert.wordpress.com/2016/03/08/wie-faschistisch-ist-die-afd/

[2]https://afdmaskiert.wordpress.com/2016/05/26/die-afd-und-die-zwei-seiten-einer-medaille-oder-moral-ist-so-wichtig-dass-man-sie-am-besten-doppelt-haben-sollte/

[3] http://www.taz.de/!5336541/

[4]https://de.wikipedia.org/wiki/Faschismustheorie#Definitionen_des_Faschismusbegriffs

[5] https://www.hamburgische-buergerschaft.de/contentblob/4846506/62bf86cb7076ac2fa316acbc26f9b476/data/23-24-kurzprotokoll.pdf

[6] https://www.hamburgische-buergerschaft.de/contentblob/6893850/37a1d01bed895c7fe578e773cc9b0229/data/40-41-kurzprotokoll.pdf

[7] http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/SACHSEN/Linke-und-Gruene-scheitern-mit-Gesetz-fuer-mehr-Demokratie-artikel9619610.php

[8]https://www.abgeordnetenwatch.de/profile/beatrix-von-storch

[9] https://www.abgeordnetenwatch.de/profile/marcus-pretzell

Advertisements